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Nachruf Walther Strohal *27.11.1948 † 3.11.2021

Im März 2014 haben wir in der Villa auf der Gänsheide Walther Strohals Abschied vom Oberkirchenrat gefeiert. Es war ein selbst organisiertes Fest der Kolleginnen und Mitarbeiterinnen. Wir haben miteinander gefeiert, gesungen, geredet und gegessen. Es war dort in der Villa, wo er sein letztes Dienstzimmer hatte, ein Abschiedsfest nach Walthers Geschmack, nicht gedeckt vom Regelwerk des Oberkirchenrats für Verabschiedungen in den Ruhestand.

So war das mit Walther Strohal und seinem Verhältnis zur Kirchenleitung, zu der er ja eine ganz ordentliche Anzahl von Jahren selbst gehörte.

Ein bisschen gegen den Strom ist er geschwommen, unkonventionell, überraschend, manchmal auch ein wenig rebellisch. Aber immer an den Menschen orientiert, an ihren Bedürfnissen. Und er hat mit diesem Wesen andere angesteckt.

14 Jahre hat Walther Strohal im Personaldezernat gewirkt. Er war für viele Pfarrer*innen das Gesicht des Oberkirchenrats. Er hat unzählige Personalentscheidungen vorbereitet und getroffen, beraten, in krisenhaften Situationen interveniert, in Biographien eingegriffen – diesen Begriff habe ich von ihm gelernt – und dennoch niemals Macht über Menschen ausgeübt. Er ist demütig vor dem Leben und Lebenswerk anderer Menschen geblieben.

Ilse Junkermann hatte ein feines Gespür, als sie ihn damals im Jahr 2000 aus dem Dekanat Ditzingen in den Oberkirchenrat abwarb. Es sollte ein neues Kapitel in der Personalarbeit aufgeschlagen werden: transparent, berechenbar, gabenorientiert und angepasst an sich schnell verändernde kirchliche Realitäten.

Das Beurteilungswesen wurde neu geordnet, die Visitation auch. In die Personalarbeit wurden Erkenntnisse von Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und auch Menschen aus anderen Professionen aufgenommen.

Neue Formate der Begleitung von Menschen in Leitungsämtern wurden entwickelt: Studientage mit den Dekan*innen, Einführungstage für Kolleg*innen, die neu in Leitungsämter kamen. Die Dekaninnen und Dekane hat er in den letzten Dienstjahren intensiv begleitet und ein Format für deren Unterstützung entwickelt. Viele von denen, die damals neu ins Amt gekommen waren, danken ihm das immer noch.

Er hat das Augenmerk auf die Gesundheit und das Gesundbleiben von Pfarrer*innen gerichtet. Das Vorgehen in Konfliktfällen wurde verlässlich und transparent.

Diese neuen Formate wirkten weit über die Grenzen der württembergischen Landeskirche hinaus. Er hat Erkenntnisse und Erfahrungen gerne weitergegeben, nach Hannover, in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und auch nach Österreich.

Dass Personalarbeit im Oberkirchenrat niemals den Kontakt zu den Gemeinden verlieren durfte, das hat uns Walther Strohal immer wieder vermittelt. Ich habe die Situationen nicht gezählt, in denen er sich abends nach einem langen Tag im Dezernat ins Auto gesetzt hat und zu einer Sitzung eines Kirchengemeinderats gefahren ist, der sich mit einer Pfarrperson überworfen hat.

Und dann hat er immer wieder Gottesdienste gehalten. Das war für ihn die „Erdung“ seiner Arbeit in der Kirchenleitung und mit ihren zeitweise weit über 2000 Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Auseinandersetzung mit der Bibel und der Theologie hat er in all den Jahren gesucht. Er hat sich das selbst auferlegt, dass er immer wieder auf die Kanzel musste, egal wie voll die Woche war. Er hat sich das abverlangt und sich all den Pfarrer*innen gleichgestellt, die er in der Woche in seinem Büro sitzen hatte. Er wollte wie sie ringen um das richtige Wort, das Gotteswort aus Menschenmund.

Walther Strohal konnte zuhören. Und dann auch mit wenigen Worten in eine klärende Richtung führen. Er hat Eigeninitiative verlangt und wollte eigene Positionen hören. Der Diskurs war ihm wichtig. Die Auseinandersetzung. Mainstream war nicht sein Ding. Aber gerade darin war er im Oberkirchenrat so wichtig. Dass sich eine Behörde nicht verselbständigt, daran hat er uns immer wieder erinnert. Dass Bürokratie nicht die Herrschaft über Menschen gewinnt. Dass das Recht angewandt werden muss, um gerecht zu sein. Aber dass zu einem gerechten Umgang mit Menschen auch gehört, ihre oft sehr individuelle Not zu sehen und zu gewichten.

Für die Mitarbeiterinnen im Dezernat war er ein fairer, geradliniger, berechenbarer und immer zugewandter Chef. Er hat Menschen gesehen. Er hat sie gefördert. Er hat sie manchmal mit Strenge begleitet. Aber immer einen Ort mit ihnen und für sie gefunden, wo sie mit ihren Gaben und Fähigkeiten und auch den Schwächen gut sein konnten.

Es passiert im Oberkirchenrat in unserem täglichen Arbeiten nicht selten, dass wir entweder im Gedächtnis unserer Registratur auf Walther Strohals Handschrift stoßen oder auch im eigenen Erinnern deutlich wird, dass er die Arbeit im Personaldezernat und uns Nachkommende geprägt hat. Dass er Maßstäbe gesetzt hat.

Am Ende jenes Abschiedsfestes in der alten Villa auf der Gänsheide haben wir „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen. Walther bestand darauf, dass wir alle Strophen singen. Die fünfte war ihm besonders wichtig, die hat er fast alleine gesungen.

Wollst endlich sonder Grämen

aus dieser Welt uns nehmen

durch einen sanften Tod.

Und wenn du uns genommen,

lass uns in Himmel kommen,

du unser Herr und unser Gott.

 

Jetzt ist er dort.

Wir verneigen uns vor seiner Lebensleistung und vor dem, was er uns allen als Mensch, als Chef, als Freund, als Kollege, als Begleiter, als Seelsorger, als Pfarrer war.

Und wir sagen „Danke“.

„Möge seine Seele eingebunden sein im Bündel des Lebens bei Gott.“